Schreibwerkstatt-Wiesbaden-8.0

Schreibwerkstatt Wiesbaden 8.0

“Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.” - Goethe

Texte

  • 01

    Brief

    Iryna Tkachova

    Hallo, mein Lieber, du dachtest, ich sei weg? Du dachtest, du wärest ...

    Hallo, mein Lieber,

    du dachtest, ich sei weg? Du dachtest, du wärest mich losgeworden? Wie naiv...

    Die ganze Zeit war ich da. Ich habe zugesehen. Aus dem Spiegel. Aus dem Schatten deiner Worte. Und ich kenne den Preis deiner „Güte“ und den Geruch des Blutes deiner Siege.

    Ich war derjenige, der dich wieder auf die Beine brachte, als du gebrochen im Dunkeln gekrochen bist und flüstertest: „Alles gut... ich schaffe das.“

    Aber… Ich muss zugeben: Du hast mich überrascht.

    EWeißt du noch, wie du geschwiegen hast, als Sandra dir den Abend verdarb? Du bist ihr entgegengekommen – und hast ihr Tee gekocht. Das war stark von dir.

    Und erinnerst du dich, wie dein dreijähriger Sohn schreiend seine Schokolade zurückforderte, die du gegessen hattest? Über eine Stunde hat er getobt — und du? Bliebst ruhig. Das war verdammt geduldig.

    Und dann — als du deiner Haltung treu geblieben und gegen die neuen Regeln in der Firma aufgestanden bist? Du hast deine Prinzipien gewählt. Und das war — ehrlich.

    Ganz offen, ich bin stolz auf dich. Und verdammt noch mal — es gefällt mir, dich jetzt so gehen zu sehen: mit dieser Klarheit und dieser Kraft.

    Du möchtest ohne mich weitergehen. Und doch — bin ich da. Immer. Du bist nicht besser als ich. Du bist nur deshalb, wer du bist, weil ich — immer — hinter dir stand, als alle anderen gegangen sind. Du nanntest mich manchmal deinen Feind. Aber ich war und bin dein Schutzschild.

    Lass uns die Masken abnehmen. Wir beide wissen: Wenn der Tag kommt, an dem deine Welt wieder einmal zerbricht — ich werde dabei sein.

    Denn: Du kannst nicht überleben ohne mich. Und ich? Ich will nicht ohne dich leben. Ich werde nun nicht mehr hinter deinem Rücken flüstern, ich werde neben dir stehen. Schulter an Schulter. Ich werde deine Stärke sein und deine Ehrlichkeit. Oder der Erste, der sie dir nimmt.

    Wir werden sehen...

    Für immer bei dir, ob du willst oder nicht.

    Dein treuer Schatten

    © Foto privat

    Iryna Tkachova

    Widersprüche und Gesetzmäßigkeiten gefallen mir am besten.
    Oft beschreibe ich das, was unbemerkt bleibt.
    Ich lerne Deutsch durch das Schreiben.

  • 02

    Das Leben in vier Wörtern

    Iryna Tkachova

    Wie geht es dir denn? Was möchten Sie noch? Was könnten Sie dazu sagen?...

    Wie geht es dir denn? Was möchten Sie noch? Was könnten Sie dazu sagen? Welche Erfahrungen haben Sie damit? Was...? Wie...? Wieso...?

    Mein Kopf dreht sich um sich selbst. Ich kann mit vier Wörtern. Was möchten Sie wissen?

    Ich war gestern krank.

    Ich fühle mich schlecht.

    Das ist ein Schrank.

    Ja, du hast Recht.

    Mein Universum entdeckt jeden Tag neue Seiten seiner Existenz. Leider kann man das nicht wissen, weil ich davon nicht erzählen könnte. Ich kann ja leider nur vier Wörter.

    Wie finde ich das Bild? Ich kann vier Wörter miteinander verbinden.

    Es ist vielleicht schön.

    Ich finde es kryptisch.

    Die Sonne ist gelb.

    Die Blumen sind bunt.

    Wie ist meine Heimat? Ich kann vier Wörter…

    Ich liebe sie sehr.

    Dort war meine Kindheit.

    Ich weine nicht mehr.

    Und habe keine Krankheit.

    Welche Erfahrungen habe ich mittlerweile gesammelt? In vier Wörtern?

    Ich habe schon studiert.

    Und kann gut Französisch.

    Acht Jahre arbeitete ich.

    Oft im Homeoffice.

    Was möchte ich weiter in meinem Leben tun? Auch das würde ich gerne mit vier Wörtern erklären. Mein Traum ist:

    m Regen zu tanzen.

    Auf Bergen zu wandern.

    Mit Delfinen zu schwimmen.

    Neue Bäume zu pflanzen.

    Für Ihre weiteren Fragen stehen Ihnen meine vier Wörter jederzeit zur Verfügung.

    © Foto privat

    Iryna Tkachova

    Widersprüche und Gesetzmäßigkeiten gefallen mir am besten.
    Oft beschreibe ich das, was unbemerkt bleibt.
    Ich lerne Deutsch durch das Schreiben.

  • 03

    30 Minuten später

    Iryna Tkachova

    Pause. Eine große mentale Pause. 1800 Sekunden dauerten wie eine Ewigkeit...

    Pause. Eine große mentale Pause. 1800 Sekunden dauerten wie eine Ewigkeit. Schweres Atmen, laute Schritte, klebende Luft und fliegende Asche provozierten ein leises Angstgefühl. Ein verstecktes Spielzeug war das Wertvollste, was er dabei hatte. Ein flammendes Feuer wurde noch größer und hatte beinahe allen Platz im Umkreis in Anspruch genommen.

    “Fliegen wir nach Italien? Sehe ich das Meer in diesem Jahr? Ich möchte das Kolosseum besuchen”. Diese Fragen seines Kindes trommelten in seinem Kopf. Sie waren das Letzte, das er von ihm gehört hatte, bevor die Verbindung plötzlich abbrach.


    “Ja, wir machen alles, was du willst! Aber leb bitte weiter. Ich komme zu dir. Ich finde dich auf jeden Fall. Leb bitte weiter!” — Murmelte er und sah ins Feuer. Sein Sohn war dort drin. Vor der Explosion spielte er mit der Eisenbahn und wartete auf seinen Vater. Papa wusste es und lief so schnell, wie er es konnte. Aber zu spät. Sein gewöhnliches Leben war vor 30 Minuten beendet. Er fühlte sich zugleich allmächtig und machtlos, glaubend und ent-glaubt, tot und lebendig.


    “Was tun? Worauf warten? Ich muss!.. Ich muss… “ — sagte er sich selbst und lief durchs Feuer. Ohne Plan, ohne Schutz, nur mit dem versteckten Spielzeug in seiner Tasche.

    © Foto privat

    Iryna Tkachova

    Widersprüche und Gesetzmäßigkeiten gefallen mir am besten.
    Oft beschreibe ich das, was unbemerkt bleibt.
    Ich lerne Deutsch durch das Schreiben.

  • 04

    10 Zeilen

    Pavlina Stefanova

    Sie wachte um vier Uhr morgens auf und wurde wütend. Draußen war es dunkel...

    Sie wachte um vier Uhr morgens auf und wurde wütend. Draußen war es dunkel. Sie wälzte sich zwei Stunden im Bett hin und her. Alle möglichen Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Um sechs Uhr schaltete sie wie üblich das Radio ein, darauf hoffend, dass sie danach noch ein oder zwei Stunden schlafen können würde…

    Sie ist unter Kollegen, eine Diskussion ist im Gange, alle werden hitzig. Irgendwo schreit jemand, ohne zu wissen, dass er stört. Die Kollegen sind verwirrt aber still und niemand greift ein um den Lärm zu stoppen. Sie ist sehr verärgert und brodelt innerlich. Das kann so nicht weitergehen. Sie schnappt sich einen Stuhl um ihn zu werfen und diesen Krach zu beenden.

    Sie wacht erschöpft auf und stellt überrascht fest, dass es die laute Stimme des Radiosprechers ist. Sie dreht sich müde auf die andere Seite und schaltet lachend das Radio aus.

    Sie wachte sehr früh im Dunkeln auf und war wütend, dass sie nicht wieder einschlafen konnte.

    Sie stand auf und schaltete den Gasherd ein, um Tee zu kochen. Sie las ein wenig in ihrem Lieblingsroman und dachte über die Probleme nach, die sie lösen musste…..

    Die Familie hatte sich in voller Stärke versammelt. Manche waren besorgt, andere schienen gleichgültig, ein Drittel war entschlossen. Aber alle waren sichtlich nervös und gereizt.

    Die Diskussion begann, es kam zu Streitigkeiten die zu Konflikten eskalierten. Sie guckte verwirrt.

    In einem Wutanfall warf jemand ein Glas zu Boden und sie wachte schweißgebadet auf. Draußen hämmerte jemand laut gegen die verschlossene Tür. Rauch und erstickender Geruch erfüllten die Wohnung. Ein Handtuch war durch einen Luftzug auf den brennenden Herd gefallen und hatte den Brand verursacht.

    © Foto Antoaneta Michaela Staikov Nierlich

    Pavlina Stefanova

    Pavlina Stefanova kommt aus Bulgarien, ist von Beruf Musikerin und spielt Geige. Während ihrer gesamten Berufslaufbahn hat sie in einem Opern-Sinfonieorchester gespielt und ist nun im Ruhestand. Sie lebt seit sechs Jahren in Deutschland.

  • 05

    Panzer

    Elham Pourmohammad

    „Sogar ein Panzer würde hier durchpassen!“ – das war der Satz, den mein...

    „Sogar ein Panzer würde hier durchpassen!“ – das war der Satz, den mein Vater immer sagte, wenn wir durch enge Gassen oder schmale Wege zwischen parkenden Autos fuhren.

    Es war der erste Sommer nach meinem Abitur, und ich hatte beschlossen, meinen Führerschein zu machen. Mein Vater wollte mir selbst das Autofahren beibringen. Mit seinem alten Auto fuhren wir durch die Straßen Teherans. Unser Abkommen: ich am Steuer, Papa daneben. Und sobald es auf den Straßen zu voll war, ich müde wurde oder Angst bekam, sollten wir die Plätze tauschen.

    Aber mein Vater machte das nie. Und die Straßen Teherans sind nie wirklich in Ordnung. Autos drängelten sich kreuz und quer, und keiner scherte sich um Fahrbahnmarkierungen oder Verkehrsschilder. Die PKW ́s hinter mir hupten, und ich schrie panisch:

    „Was soll ich jetzt machen??? Ich stecke fest! Ich kann nicht mehr!“ Ich bekam Angst und bat meinen Vater, das Steuer zu übernehmen. Doch er blieb völlig ruhig und sagte nur: „Fahr weiter, Mädchen! Da passt selbst ein Panzer durch!“ Unsere Fahrstunden waren für mich wie Geisterbahnfahrten – für meinen Vater dagegen ein Ausflug ins Abenteuer. Mit zittrigen Händen fuhr ich durch die engen, alten Gassen der Stadt, die für meinen Vater breit genug für Panzer waren. Und wenn ich mich beschwerte, warum wir in diesem Alptraum Fahrstunden machten, sagte er lachend, er suche nur nach einer alten Eisdiele, die er als junger Mann besucht hatte. Für ihn war immer alles in Ordnung, ich dagegen war vor Stress völlig verkrampft. Trotz allem habe ich die Fahrprüfung beim ersten Mal bestanden. Aber bis heute fahre ich nur, wenn es unbedingt sein muss oder ich unter Zeitdruck stehe.

    Zwanzig Jahre später – es waren unsere ersten Tage in Deutschland, die Umzugskartons waren noch nicht alle ausgepackt, als wir bemerkt hatten, dass die Wände unserer neuen Wohnung feucht waren. Ich hatte Heimweh, meinen Job und alle meine Freunde in meiner Heimatstadt zurückgelassen und fühlte mich wirklich einsam und enttäuscht. Mein Mann stand in seiner neuen Firma enorm unter Druck und mein Sohn mochte seine Schule nicht. Er war der Neue in der Klasse, hatte keine Freude und keine Freunde und weinte jeden Abend, weil er nicht mehr zur Schule gehen wollte.

    Und dann war da noch das graue, kalte Oktoberwetter in Deutschland. Eines Tages rief die Schule an: Mein Sohn weine und ich solle ihn sofort abholen. Ich suchte auf Google Maps den schnellsten Weg. Ein Teil der Strecke führte durch eine enge Straße, mit parkenden Fahrzeugen auf der einen Seite. Kurz vor Ende der Straße kam mir plötzlich ein Auto entgegen. Es war unmöglich, aneinander vorbeizufahren. Ich bremste.

    Und plötzlich hörte ich Papas Stimme in meinem Kopf: „Keine Sorge. Fahr weiter. Hier kommt selbst ein Panzer durch.“ All die Sehnsucht und Traurigkeit dieser Tage stieg mir in die Augen. Leise flüsterte ich: „Aber Papa, diesmal stecke ich wirklich fest...“ Und ich fing an zu weinen. Ich fühlte mich einsam und hilflos, wie ein alter, verstaubter Panzer mitten auf einem fremden Schlachtfeld – kampfunfähig und kraftlos. Ich hätte alles gegeben, wenn mein Vater jetzt neben mir gesessen und gesagt hätte:

    „Fahr weiter, Mädchen. Es wird schon alles gut.“

    Der arme Mann im entgegenkommenden Auto wusste nicht was mit mir los war. Er zwang sich mühsam rückwärts zwischen parkende Autos und winkte mir besorgt, dass ich vorbeifahren könne. Ich setzte meinen Weg zur Schule fort.

    Mir passiert es oft, dass mich eine Musik oder ein bestimmter Duft in die Vergangenheit zurückversetzt.

    Aber das war das erste Mal, dass eine enge Straße mich so tief in meine Erinnerungen eintauchen ließ.

    Wenn Sie eine Frau mitten im Verkehr weinen sehen, haben Sie bitte keine Angst. Es ist nur so, dass ihre Garage der Erinnerung zum falschen Zeitpunkt geöffnet hatte.

    © Foto Khodayar Pourmohammad

    Elham Pourmohammad

    Elham Pourmohammad stammt aus dem Iran, wo sie Psychologie studierte und arbeitete. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zur Literatur und zum Schreiben. In ihren kurzen persischen Geschichten verbindet sie Alltägliches mit feinen, nachdenklichen Beobachtungen. Seit zwei Jahren ist sie Mitglied der Schreibwerkstatt Wiesbaden und wagt dort den Schritt, ihre Gedanken und Erzählungen auch in deutscher Sprache auszudrücken.

  • 06

    GLÜHWÜRMCHEN

    Claudia Pistilli

    Laut der Polizei war „GLÜHWÜRMCHEN HÖHEPUNKT“ eine verschlüsselte Botschaft...

    Laut der Polizei war „GLÜHWÜRMCHEN HÖHEPUNKT“ eine verschlüsselte Botschaft. Ich versuchte ihnen vergeblich zu erklären, dass Glühwürmchen immer noch existierten, und dass man sie einige Meter von der Stadt entfernt beobachten könne, wobei er ein Enthusiast solcher Beobachtungen sei, und ich auch.

    Wenn ich meine wahre Verbindung zu diesem Dissidenten nicht gestehe, erwartet mich unweigerlich das Gefängnis, drohten sie. Angst hatte ich nicht. Ich wusste, dass ich auf die andere Seite, da wo es noch möglich ist, mit Lichtern zu balzen, gelangen könnte.

    An der Stelle, an der er verschwand, waren allein sein Rucksack mit einer Flasche Wasser und eine speckige Ausgabe von „Walden“ geblieben.

    „Dieses verdammte Buch“, war das Letzte, was ich hörte, bevor sie meinen Kopf unter Wasser drückten.

    © Foto Hugo Giménez

    Claudia Pistilli

    Claudia Pistilli (1979 in Paraguay) schreibt Prosa und Gedichte. Seit 2023 führt sie gemeinsam mit dem patagonisch-paraguayischen Schriftsteller Humberto Bas das Projekt des Verlags Kiveve (Neuquén) durch.

  • 07

    Der Reiter des Schicksals - Mein Urgroßvater

    Fourough Olfat-Bahar

    Der Wind fegte durch die karge Landschaft, als der junge Mann...

    Der Wind fegte durch die karge Landschaft, als der junge Mann atemlos vor dem Haus seiner Großeltern ankam. Staub klebte an seiner Haut, sein Herz pochte so laut, dass es seine eigenen Gedanken übertönte. Die alte Holzpforte schwang auf, und seine Großmutter erstarrte. In seinen Augen lag eine unausweichliche Wahrheit. Er konnte nie wieder zurück. Sein Name war Karim, Sohn eines reichen Grundbesitzers und einer warmherzigen Frau, doch nun nur noch ein Flüchtender.

    Karim war in einem großen Haus aus Stein und Ehre geboren, umgeben von Dienern, endlosen Feldern und dem Stolz eines mächtigen Vaters. Doch all das konnte nicht den Verlust seiner Mutter aufwiegen, die starb, als er noch ein Kind war. Sein Vater heiratete schon bald eine andere Frau, jung und durchtrieben, die schnell Kinder gebar und ihren Platz im Haus sicherte. Karim passte nicht in ihr Bild. Kalt waren ihre Blicke, distanziert ihre Worte. Er fand Trost nur bei seinen Großeltern mütterlicherseits, die für ihn immer offene Tür und Ohren hatten, ihm Geschichten erzählten und ihm das Gefühl gaben, gesehen zu werden. Als er achtzehn wurde, rückte der Schatten der Armee näher. Der Schah verlangte nach jungen Männern, und Karim wollte nicht einer von ihnen sein, Er hatte Geschichten gehört, von brutalen Drillmeistern, von jenen, die nie zurückkehrten. Und so versteckte er sich, als die Soldaten kamen um ihn zu holen. Doch Verrat lauerte hinter einer vertrauten Tür. Seine Stiefmutter, die hochschwanger Karims drittes Geschwisterkind in sich trug, zeigte den Soldaten, wo er sich verborgen hielt. Karim entkam in letzter Minute, doch in seinem Herzen brannte der Zorn. Er kehrte mit der Waffe seines Vaters zurück, sah die Stiefmutter hasserfüllt an und drückte ab. Es gab kein Zurück mehr für ihn. Sein Vater würde ihn jagen, die Behörden würden ihn hängen. Die einzigen, die noch zu ihm standen, waren seine Großeltern. Sie zögerten nicht, ihn mit einem Pferd, Proviant, Geld und einem letzten Rat zu versorgen. „Reite, bis dich niemand mehr kennt.“ Tagelang trug ihn das Pferd durch Berge und Täler. Nächte verbrachte er in der Kälte unter freiem Himmel. Und als das Essen knapp wurde, als das Geld versiegte, fand er sich in einer fremden Stadt wieder. Ein Ort, an dem niemand seinen Namen kannte, doch alle sein fremdes Gesicht bemerkten und ihn mit Misstrauen betrachteten. Sein fremdes Aussehen, die hohen Wangenknochen und die schmalen Augen machten ihn zum Außenseiter. Niemand reichte ihm die Hand. Doch Karim hatte nichts mehr zu verlieren. Er schwieg, arbeitete hart und übertraf jeden in Kraft und Ausdauer. Und langsam begann sich das Schicksal zu wenden. Karim lernte zu handeln, verdiente viel Geld, kaufte ein großes Haus, heiratete eine schöne Frau, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebar. Doch obwohl er alles erreicht hatte, Wohlstand, Familie, Respekt, blieb ein Teil von ihm ruhelos. Der Junge, der einst durch die Nacht ritt, war nie ganz verschwunden.

    Er wurde älter und mit dem Alter kam ein neues Licht in sein Leben. Seine Enkelin, ein sanftes Mädchen mit warmen Augen und einer Seele, die ihn verstand. Sie half ihm, sprach mit ihm, lachte mit ihm, wie es lange niemand mehr getan hatte. Er sah in ihr etwas Reines, etwas, das er längst verloren hatte. Sie erinnerte ihn an seine Mutter, an seine Großmutter, an all die Liebe, die ihn einst getragen hatte. Und als seine Kräfte schwanden, als sein Herz langsamer schlug, wusste er, er hatte sich einst in eine unbekannte Zukunft gerettet, doch in den Armen seiner Enkelin fand er endlich die Heimat, die er sein Leben lang gesucht hatte.

    © Foto Olfat@t-online.de

    Fourough Olfat-Bahar

    Fourough Olfat-Bahar stammt aus dem Iran und lebt seit 1984 in Deutschland. Sie hat Medizin studiert und arbeitet seit 2003 in eigener Praxis in Wiesbaden. Neben dem Beruf liest und schreibt sie leidenschaftlich. Sie nimmt seit 4 Jahren in einer Schreibwerkstatt teil.

  • 08

    Genie

    Manuela Radulescu

    Hast du bemerkt, dass heutzutage jeder zu sein scheint? Absolut jeder!...

    Hast du bemerkt, dass heutzutage jeder zu sein scheint? Absolut jeder! Manche sind so "intelligent", das man sich fragt, wie wir Sterblichen überhaupt noch Platz zwischen ihnen haben in dieser Welt. Sie wissen alles über das Universum, Politik, Geschichte und wie die Wirtschaft funktioniert - nur weil sie ein Video gesehen haben.

    "Ich erklär´s dir sofort!" -

    Na klar...vielleicht glauben sie, dass sie es verstanden haben. Was da wohl in ihrem Kopf vorgeht, Gott bewahre. Ihnen widersprechen? Vergiss es! Sie machen nie Fehler.

    Wenn die Realität nicht mit ihrer Meinung übereinstimmt, muss die Realität falsch sein. Sie diskutieren nicht - sie "predigen"!


    Aber weißt du was? Manchmal sind diese Leute sogar zu bevorzugen.

    Ich habe einmal eine verrückte Diskussion miterlebt:

    "Weißt du, dass sich die Erde um die Sonne dreht?"

    "Geh weg! ...Dass glaube ich nicht!"

    Die Augen dieser Person waren schon glasig, wahrscheinlich wurde ihr schwindelig, als sie sich vorstellte, dass es vielleicht doch stimmt. Wie könnte sich die Erde drehen, wenn sie dabei stillsitzt?!


    "Und noch was! - Sie sagen, dass der Name "Jesus" dort, wo der historische Jesus in Israel lebte, ein ganz normaler Name sei, wie bei uns Günter oder Johann..."

    "Hau ab, geh mir aus den Augen mit deiner Blasphemie, du Heide! - Es gibt nur einen Jesus!"

    Und... was ist mit denen, die immer nur auf den Share-Button schielen, nach einer solchen Diskussion? Ich mag sie! Sie sind "Genies"! Warum noch ein Buch aufschlagen?

    Es ist schwer, hat keine Knöpfe und keine Bilder...

    Gott sei Dank bin ich auch nur ein weiterer kleiner Sterblicher.

    © Foto privat

    Manuela Radulescu

    Manuela Radulescu kam 2002 aus Rumänien nach Bayern. Vor acht Jahren zog sie nach Wiesbaden. Sie hat einen erwachsenen Sohn und liebt die Schönheit des Lebens. Als Spa Therapeutin hat sie in Luxus-Hotels gearbeitet. Als Reiki-Meisterin hilft sie den Menschen in ihrer spirituellen Entwicklung.

  • 09

    TRILOGIE

    Adi Stanciu Miltiade

    WALD-NACHRICHTEN – LIVE – BREAKING NEWS...

    WALD-NACHRICHTEN – LIVE – BREAKING NEWS

    „Bär macht wieder Ärger – Igel bittet König Löwe um Hilfe!“

    Moderation Herr Eichhörnchen, schneller Reporter mit Snack in Pfote

    WALD-TV – es ist 19 Uhr

    Herr Eichhörnchen (hektisch, zwischendurch Nuss knabbernd): Hallo, hallo, liebe Waldfreunde! Hier ist euer Eichhörnchen-Reporter, ich komme direkt vom Brombeerwald, und – oh Mann – es gibt Ärger! - Der Bär ist wieder da! Ja, genau, DER Bär der immer denkt, Gärten sind sein persönlicher Spielplatz. Und ratet mal? Er war heute Morgen schon wieder im Garten von Herrn Igel, hat das Nest kaputt gemacht, den Zaun zerbrochen und dann so getan, als wäre nichts gewesen!

    „Oh, ich dachte, das ist ein Himbeerbusch!“

    Himbeerbusch!? Das ist doch kein Busch, das ist ein Igel-Zuhause!

    Herr Eichhörnchen (springt nervös von Ast zu Ast): Ich hab mit dem Igel gesprochen – der ist richtig sauer. Und er hat sogar einen Brief an König Löwe geschrieben! Ja, genau, an den großen Chef des Waldes! Da bittet er um Hilfe, denn der Bär macht richtig Ärger.

    König Löwe sagt:

    - Der Bär soll aufhören, durch die Gärten zu trampeln.

    - Sein Nest soll endlich in Ruhe bleiben.

    Und wenn das nicht klappt, wird die Füchsin nebenan richtig sauer. Und glaubt mir, die Füchsin hat spitze Zähne – und auch spitze Kommentare!

    Herr Eichhörnchen (knabbert kurz an einer Nuss):

    Ach, und noch was Lustiges: Der Igel hat dem Bären sogar Tee angeboten – was macht DER? Trinkt ihn, sagt danke und schläft auf dem Komposthaufen ein!

    Hallo? Ich bin kein Hotel! Ich bin ein Igel!

    Herr Eichhörnchen:

    Die Füchsin meint dazu nur: „Wenn der Bär einmal in MEINEN Garten kommt, gibt’s keinen Tee, aber so richtig Ärger!“

    Und jetzt das Wetter: Wolkig mit Chancen auf zertrampelte Nester.

    Herr Eichhörnchen (winkt hektisch): So, das war’s erstmal von mir, eurem Eichhörnchen! Bleibt wachsam und passt auf eure Gärten auf! Und wenn ihr auch Probleme mit großen, tollpatschigen Nachbarn habt, schreibt einfach an: “eichhoernchen@waldtv.org” - Bis bald und immer schön flink bleiben! Euer Eichhörnchen.

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    Gespräch zwischen König Löwe und dem Bären - 10.1.26

    König Löwe (mit einem breiten Grinsen): „Herr Bär, ich habe gehört, Sie waren schon wieder in Aricius’ Garten und haben dort mehr Unordnung hinterlassen als ein Wildschwein auf einem Trampolin. Was war das diesmal, ein Elefanten-Ballett in der Abendvorstellung?“

    Bär (verlegen, kratzt sich am Kopf): „Majestät, ehrlich gesagt, ich dachte wirklich, das sei ein Himbeerbusch. Ich wollte doch nur kurz was Süßes naschen – ich hatte keine Ahnung, dass das sein Wohnzimmer war!“

    König Löwe (leise lachend): „Ein Garten ist kein Himbeerbuffet, Herr Bär! Und ein Bienenstock ist definitiv kein Drive-In-Restaurant. Es sieht so aus, als hätten Sie einen Trampelpfad durch den ganzen Wald angelegt!“

    Bär (senkt den Kopf): „Ja, Majestät, ich gebe zu, ich war unachtsam. Ich werde ab jetzt aufpassen. Keine Gärten mehr, keine Nester, kein Honig-Diebstahl – versprochen.“

    König Löwe (zwinkert): „Das will ich hoffen! Ich bekomme täglich Briefe von Herrn Igel, und jeder Satz hat mehr Stacheln als ein Kaktus im Sommer. Also, wie ich im Wahlkampf angekündigt habe: Ich löse diesen Konflikt innerhalb von 24 Stunden – und hier sind wir!“

    Bär (überrascht): „Wow, das ist beeindruckend!“

    König Löwe (stolz wie ein Pfau): „Oh ja, das ist bereits der siebte Konflikt, den ich gelöst habe! Wenn das so weitergeht, bekomme ich bald den Friedensnobelpreis. Oder wenigstens ein Denkmal aus Baumrinde.“

    Bär (lacht): „Oder eine Statue mit einer Krone aus Eicheln!“

    König Löwe (grinst): „Auch gut! Und jetzt zurück in den Wald, Herr Bär – aber dieses Mal ohne Gartentanz. Der Wald ist kein Abenteuerpark für hungrige Riesen!“

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    Notiz an Herrn Igel (vom König höchstpersönlich)

    Lieber Herr Igel,

    wie versprochen, habe ich mit unserem pelzigen Problemfall gesprochen. Herr Bär hat mir feierlich versprochen, dass er ab sofort nicht mehr durch Ihre Beete marschiert, keine Himbeeren mopst und auch keine Nester platt trampelt. Ich erwarte, dass das tägliche Waldtheater hiermit beendet ist – ohne Fortsetzung, ohne Drama, ohne neue Kapitel.

    Wie im Wahlkampf versprochen, habe ich den Konflikt innerhalb von 24 Stunden nach meiner Wahl gelöst, Nummer sieben auf meiner Friedensmission. Ich warte nur noch auf einen Anruf aus Oslo – oder zumindest auf ein Dankeschön-Frühstück mit Beeren und Tee.

    Mit königlichen Grüßen und hoffentlich ruhigen Nächten,

    König Löwe

    (Friedensstifter, Gerechtigkeitsfan und Retter der Himbeersträucher)

    Adi Stanciu Miltiade

  • 10

    Mitternachtsdialog

    Pavlina Stefanova

    Ich wohne in einem alten Haus mit großem Garten...

    Ich wohne in einem alten Haus mit großem Garten.

    Das Haus liegt recht abgeschieden.

    Es ist ein warmer Herbst und es wird früh dunkel.

    Ich liege im Liegestuhl auf der Terrasse und genieße die Stille und den Sternenhimmel.

    Die Atmosphäre ist irgendwie mysteriös.

    Vogeltriller sind zu hören.

    Ich schlafe fast ein, berauscht von den zarten Düften der Nacht, als ich Schritte unter dem Balkon höre.

    Bis hier dauert mein Seelenfrieden.

    Dann höre ich seltsam angespanntes Flüstern, halte den Atem an und kann die aufgeregten, gedämpften Stimmen eines Mädchens und eines Jungen jetzt deutlicher hören.

    „Wann?“ „In zwei Tagen ist Vollmond.“ „Also - am Dienstag.“ „Alles muss gut vorbereitet sein!“ „Ich werde mein Bestes geben!“ „Bist du sicher?“ „Wie nie zuvor!“ „Sollte nicht jemand anderes kommen?“ „Ich glaube, wir beide alleine sind besser!“ „Keine Sorge, alles wird gut!“ „Ich habe ein bisschen Angst!“ „Sei mutig!“ „Wir werden Glück haben!“ „Ich bin überzeugt!“ „Dann, bis Dienstag Mitternacht. An unserem Platz. „Vergiss die Taschenlampe nicht, und nimm nicht zu viel Gepäck mit.“ „Jawohl, Herr General!“

    Ein leises Kichern, der Klang eines Kusses, und alles löste sich in der dunklen Nacht auf.

    Ich stand auf und suchte mit meinen Augen die Umgebung ab. Dann fragte ich mich, ob ich alles nur geträumt hatte, oder ob dieser kryptische Dialog Wirklichkeit war?!?

    War es eine Liebesaffäre oder etwas ganz Anderes?!?

    Ich konnte mir das alles nicht zusammen reimen!

    Und die Nachtigallen berauschten sich an ihren zauberhaften Liedern.

    © Foto Antoaneta Michaela Staikov Nierlich

    Pavlina Stefanova

    Pavlina Stefanova kommt aus Bulgarien, ist von Beruf Musikerin und spielt Geige. Während ihrer gesamten Berufslaufbahn hat sie in einem Opern-Sinfonieorchester gespielt und ist nun im Ruhestand. Sie lebt seit sechs Jahren in Deutschland.

  • 11

    Kunst vor allem - eine kurze lustige Geschichte über Musiker

    Pavlina Stefanova

    Es ist nach Neujahr. Wir sind fünf Musiker, die in einem Auto zu einem weiteren...

    Es ist nach Neujahr. Wir sind fünf Musiker, die in einem Auto zu einem weiteren Neujahrskonzert in irgendeiner Stadt unterwegs sind. Es macht Spaß, jeder erzählt Neuigkeiten und nach und nach konzentrieren wir uns auf die bevorstehende Veranstaltung. Aber zuerst einmal leben alte Erinnerungen auf und werden Befürchtungen wach:

    „Ist das nicht dort, wo wir die steile Treppe zu den Umkleidekabinen hinaufgestiegen sind?“

    „Nein, es ist der Saal mit den weißen Stühlen!“

    „War es kalt in der Halle?“

    „Nein, das letzte Mal war es in Ordnung.“

    „Wird es Essen geben?“

    „Das gibt es dort nie.“

    „Doch, gibt es, aber nur ein Brötchen mit Wurst.“

    „Ach ja, ich erinnere mich.“

    Und inmitten des Gelächters und allerlei Annahmen sagt der Kollege, der für seinen Sinn für Humor bekannt ist:

    „Leute, ich erinnere mich jetzt wieder sehr genau. Dort hat niemand auch nur ein Wort über Musik verloren. Keiner kam nach unserem Auftritt auf die Idee nach den Solisten oder nach dem Dirigenten zu fragen!“

    Fröhlich und gut gelaunt machten wir uns in der Stadt X auf den Weg zur Probe in den Saal, in dem die Treppen wirklich sehr steil sind, es dort warm ist und es Brötchen mit Würstchen gibt. Das Konzert war ein großer Erfolg vor einem großen und fröhlichen Publikum und es gab viele Zugaben!

    Und ja, nachdem alle gegangen waren, sahen wir all die leeren weißen Stühle auf denen das Publikum gesessen hatte...

    © Foto Antoaneta Michaela Staikov Nierlich

    Pavlina Stefanova

    Pavlina Stefanova kommt aus Bulgarien, ist von Beruf Musikerin und spielt Geige. Während ihrer gesamten Berufslaufbahn hat sie in einem Opern-Sinfonieorchester gespielt und ist nun im Ruhestand. Sie lebt seit sechs Jahren in Deutschland.

  • 12

    Eine kleine Geschichte aus meinem Unterricht

    Saida Rovcanin

    Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eines Freitags kam eine Kollegin in die Schule und...

    Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eines Freitags kam eine Kollegin in die Schule und sagte mir, dass eine Dame vom Ministerium angekündigt sei, um meinen Unterricht zu prüfen. Ich arbeitete damals erst seit etwa zwei Monaten an der Schule und sprang manchmal als Vertretung ein.

    Am Montag sollte die Ministerin meinen Mathematikunterricht beurteilen. Mathematik ist mein schlechtestes Fach, besonders auf deutsch. Sofort begann ich die deutsche Mathematik zu üben und fragte mich, was wir zuletzt gemacht hatten. Wir wollten am Montag das Thema Überschlag wiederholen.

    Was ist das, fragte ich mich, das gibt es in der serbischen Mathematik nicht.

    Das haben die Deutschen erfunden, um besser ihre Euros zusammenzuzählen.

    Den Kindern gab ich vier Seiten Hausaufgaben, worauf sie mich böse anschauten und sagten:

    „Wir haben doch Wochenende.“ Ich sagte, das geht jetzt nicht, wir müssten Gas geben.

    Alle haben mich angeschaut, als ob ich nicht ganz normal wäre.

    Ich habe den Kindern versprochen, dass sie am Montag ein Stück handgemachte Dubai-Schokolade bekämen, wenn sie ruhig und aufmerksam im Unterricht wären.

    Ich musste die Kinder mit Schokolade motivieren. Dann haben die Kinder gefragt:

    „Frau Rovcanin, können wir jetzt rausgehen?“ Natürlich nicht, wir müssen noch ordentlich aufräumen, weil die Ministerin kommt. Ich wollte, das alles glänzt, und half mit.

    Meine Nerven spielten verrückt, ich war sehr angespannt, es war ja schon Freitag und ich plante das Lernen von Überschlag am Wochenende. Am Montag war ich eine Stunde früher da, um alles nochmal zu üben und wartete dann mit einem Lächeln auf die Kinder.

    Als sie kamen, fragen sie gleich nach der Schokolade. Natürlich interessierte sie die Mathematik nicht, sie wollten nur Zucker reinladen, um noch verrückter zu werden. Ich wiederholte nochmal, dass sie ruhig und aufmerksam sein sollten und gerne fragen dürften, damit ich helfen könne. Ich hatte das ganze Wochenende Überschlag gelernt, Youtube-Videos geschaut, Beispiele durchgerechnet und fühlte mich wie eine Doktorin der Mathematik. Dann kam die Dame, etwa zwei Meter groß, mit tollen Locken, fett geschminkt und gepflegt, sie roch nach teurem Parfüm, bestimmt Gucci Original mit zwei „C“. Sie betrat den Raum wie ein Star auf dem roten Teppich. „Guten Morgen Kinder!“ sagte sie mit einer Stimme, die die Wände hallen ließ. Mir wurden Hände und Beine plötzlich ganz schwer, ich fühlte mich, als hätte ich Blei in den Gliedern. Mein Herz schlug wie ein Trommelwirbel, ich begann zu schwitzen und meine Wangen wurden so rot, dass ich fast dachte, ich könnte als Ampel durchgehen. Nein, nicht einknicken Saida, geradestehen und zeigen, was du gebüffelt hast. Als hätte ich gerade einen Mathe-Marathon absolviert und müsste jetzt noch einen Schönheitswettbewerb gewinnen. „Guten Tag, Frau Ministerin, es ist mir eine große Ehre, dass sie heute bei uns sind“ sagte ich mit einem Lächeln das ungefähr so echt war wie meine innere Ruhe, also gar nicht. Sie setzte sich hinten, also direkt gegenüber von mir, und starrte mich so intensiv an, dass ich dachte, sie will herausfinden, ob ich ein Mathe-Genie oder eher ein Chaos-Talent bin.

    „Guten Morgen liebe Kinder, heute machen wir Überschlag, hat das schon jemand gehört?“ Einige von ihnen meldeten sich, sie kannten ja das Thema und hatten zuhause geübt. Die Kinder waren super und warteten geduldig, bis die Ministerin ging, um ihre Hände mit der Dubai-Schokolade zu beschmieren. Am Samstag zuvor habe ich meine 55-jährige Mitbewohnerin Mira, solange genervt, bis sie bereit war, die Ministerin zu spielen, und mich zu beobachten, während ich meinen brillianten Mathematikunterricht hielt. Wahrscheinlich hat sie gemerkt, dass ich verrückt geworden bin, denn danach hat sie die ganze Woche ihr Zimmer nicht verlassen. Aber ich habe unermüdlich weiter geübt, und es lief richtig gut! Welcher Isaac Newton? Ich bin die neue Mathe-Wissenschaftlerin! Mein Selbstbewusstsein schoss bis in den Himmel. Ich hatte mir Notizen gemacht, um gut durch das Thema zu führen. Nach der Hälfte der Stunde merkte ich plötzlich: das ist ja gar keine Philosophie – und ich hatte mich so sehr hineingesteigert. Vielleicht, weil ich keine Deutsche bin. Die Kinder hatten ordentlich zugehört, in ihre Hefte geschrieben, und die Aufgaben gemacht, die ich ihnen gegeben hatte. Als ich fragte, wer an die Tafel kommen möchte, sind alle Hände hochgegangen.

    Wie haben wir die Ministerin nur so beeindruckt? Ich dachte: Ministerin, alle ihre Bildung nützt nichts, wenn die serbische Mafia nach Deutschland kommt. In ein paar Sätzen sagte sie, dass sie sehr angenehm überrascht sei. Ich würde gut erklären, mache kluge Beispiele, könne die Aufmerksamkeit halten und eine gute Lehrerin werden.

    Ach, danke, vielen Dank, das wollte ich hören. Sie nahm meine Hand und hielt sie ein paar Minuten, ich konnte es kaum erwarten, dass sie mich los lässt, um zu spüren, wie sehr ich zitterte. Ich schaute sie an, eine hübsche Frau, etwa 60 Jahre alt, perfekt geschminkt. Aber innerlich dachte ich: ich bin viel besser geschminkt, du siehst es nur nicht. Ich bedankte mich bei ihr und sagte ihr, wie sehr ich mich freue. Sie bot mir einen Kaffee im Lehrerzimmer an, aber ich wollte nicht, dass die Kinder ins Lehrerzimmer kamen und nach Dubai-Schokolade fragten.

    Als sie endlich ging, holte ich die drei große Portionen Dubai-Schokolade aus dem Kühlschrank, die ich am Sonntagabend zwei Stunden lang vorbereitet hatte. Natürlich aß ich erstnal selbst davon, weil mein Zucker nach dem Stress auf null war. „Danke, Kinder, bitte schön!“ Nach ein paar Minuten stritten sie sich, weil jemand mehr als der andere hatte.

    Die Ministerin übermittelte positive Kommentare an meine Chefin, die daraufhin beschloss, mich zu behalten und mir einen Festvertrag angeboten hat. Es lebe die Dubai-Schokolade!

    © Foto privat

    Saida Rovcanin

  • 13

    Ljuba und Chingachgook

    Mila Izvarina

    Ljuba liest seit langem Bücher, wahrscheinlich seit ihrem fünften Lebensjahr. Und jetzt, für die Sommerferien...

    Ljuba liest seit langem Bücher, wahrscheinlich seit ihrem fünften Lebensjahr. Und jetzt, für die Sommerferien, bekamen die Schüler von ihrer Lehrerin eine Liste mit Büchern, die sie über den Sommer lesen sollten. Eines der Bücher, die sich in der häuslichen Bibliothek befanden, war „Der letzte Mohikaner“ von Fenimore Cooper.

    Ljuba begann, zu lesen und konnte nicht mehr aufhören. Es war ein Eintauchen in eine echte Abenteuerwelt.

    Der Morgen dieses Tages war besonders hell und klar. Sie waren erst vor Kurzem in ein neues Mehrfamilienhaus gezogen und konnten sich an all dem Neuen noch nicht sattsehen. Die Gerüche, der Blick aus dem Fenster, das morgendliche Zwitschern der Vögel auf den Baumwipfeln, die bis an die Fenster reichten.

    Sonnenstrahlen tanzten über Wände, Decken, Möbel und Spiegel und schufen überall eine schimmernd flirrende Atmosphäre.

    Ljuba konnte nicht anders und lachte laut auf. In diesem Moment klingelte es an der Tür. Sie war allein zu Hause. Da sie noch nicht alle Nachbarn im Haus kannte und ihr aus Sicherheitsgründen verboten war, Fremden zu öffnen, sprang sie aus dem Bett, lief zur Tür, stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute durch den Spion. Doch da war niemand – nur dieselben, aber etwas veränderten Schatten, die sich an den Wänden und im Flur bewegten. Sie blinzelte und bemerkte plötzlich, dass das Bild heller wurde und ihr näher kam. Jetzt konnte sie genauer sehen, was sich vor ihrer Wohnungstür befand. So, blinzelnd und lachend, richtete sie ihren Blick auf die Tür gegenüber, wo noch keine neuen Bewohner eingezogen waren. Der Türspion gegenüber zwinkerte ihr zu, und Ljuba wurde hineingesogen.

    Wow! Ein Flur, genauso wie ihrer, dieselben Türen und viel Licht. Mutig bewegte sie ihren Blick weiter, bis sie an der Schwelle eines Schlafzimmers stehen blieb. Auf dem Bett lag ein riesiger Mann in der Kleidung eines indianischen Häuptlings. Er war es – Chingachgook! Ljuba erstarrte vor Bewunderung. Man sah, dass er sehr müde war und eine lange Distanz auf seinem treuen Pferd zurückgelegt haben musste. Das Tier stand neben dem Bett und kaute ruhig sein Heu. Ihr Lieblingsheld war so erschöpft, dass er in voller Montur auf das Bett gefallen und von plötzlichem Schlaf überwältigt worden war.

    Das Mädchen verstand, dass sie eine seltene Gelegenheit hatte, einen schlafenden Chindachgook zu sehen. Sie begann gierig, seine erstaunliche und schmuckvolle Kleidung zu betrachten: Mokassins mit Stickerei, Lederhosen, eine Jacke mit Fransen aus Hirschhaut, zahlreiche Amulette und Perlenarmbänder. Ein Tomahawk und ein Messer in der Scheide hingen an seinem Gürtel. Chingachgook schlief tief und gleichmäßig und schnarchte leise. Ein ungewöhnlicher Federschmuck umrahmte sein schönes, mutiges Gesicht. Ljuba wollte näher herangehen, um es genauer zu sehen – doch in diesem Moment nieste er und öffnete sein linkes Auge, das sie aufmerksam anblickte.

    Da erschrak sie sehr, schrie…und wachte auf. Das Buch lag auf dem Boden, und ihre Mutter saß neben ihr auf dem Bett und lächelte sanft.

    © Foto privat

    Mila Izvarina

    Ich wurde in der Ukraine geboren und bin Ingenieurin von Beruf. Ich habe Jobserfahrung in verschiedenen Bereichen wie der Arbeit mit Ton in einer Keramikwerkstatt, als Angestellterin eines pharmazeutischen Lagers, als Heizungsingenieurin. Neugier ist mein Charakterzug. Ich habe ein ständiges Interesse an allen Kunstformen

  • 14

    Das Fenster

    Luciano Recalde Carballo

    Der laute Verkehr durch das Fenster erinnert mich an diesen Ort...

    Der laute Verkehr durch das Fenster erinnert mich an diesen Ort.

    Heute habe ich nichts gemacht…

    Ebenso wie gestern und wahrscheinlich auch morgen.

    Jetzt rieche ich nicht den Diesel. Und ich sehe nicht die Blätter der Kastanie,

    die ich auf dieser Straße beobachtete.

    Ich hatte die Welt immer durch ein Fenster wahrgenommen…

    Es ist immer noch so.

    Ich war jung und optimistisch, vielleicht zu naiv.

    Sie waren alles Fremde, sogar die Vertrautesten. Vor allem die Vertrautesten.

    Ich hatte mein Glück gegen Gewissheit eingetauscht.

    Oh, dieses Land des traurigen Volkes.

    Sie sprachen anders, ganz anders.

    Ich verstand alles und trotzdem nichts.

    Aber jetzt zeigt es sich mir, weil dieses Fenster klar ist.

    Ach man! So sehr wollte ich durch das Glas durchschreiten und diesen Traum leben.

    Nie hatte ich mir vorgestellt, was hinter dem Fenster lag.

    Nur Schmutz und Verfall!

    Wir malen uns die schönsten Sachen ohne Schatten aus.

    Die höchsten Werte inspirieren uns.

    Wenn wir das Fenster putzen, dann verliert alles seinen Zauber.

    Und hier am Fenster liege ich.

    © Foto privat

    Luciano Recalde Carballo

    Geboren in Asunción, Paraguay. Er ist studierter Elektroingenieur und arbeitet als Softwareentwickler. Seit Juni 2025 lebt er in in Wiesbaden. Liebhaber der Philosophie und jeder Form des Ausdrucks von Gedanken.

  • 15

    Hajar

    Fourough Olfat-Bahar

    Marie spürt einen stechenden Schmerz in ihrem Rücken. Erschrocken dreht sie sich um...

    Marie spürt einen stechenden Schmerz in ihrem Rücken. Erschrocken dreht sie sich um, hinter ihr steht ein kleiner Junge, der sie erwartungsvoll ansieht. Sie setzt ihren Sohn von ihrem Schoß auf den Boden und geht zum Jungen. „Wie heißt du und warum hast du mich mit dem Stein beworfen?“. Er senkt den Blick und schweigt. „Wo wohnst du? Wo sind deine Eltern?“ fragt Marie weiter, doch er sagt kein Wort.

    Marie ist nicht sicher, ob er sie überhaupt versteht. Er ist etwa 5 Jahre alt, hat schwarze Haare und große eindringliche Augen. „Was für ein hübscher Junge!“ denkt Marie. Noch einmal fragt sie ihn mit Nachdruck, wo er wohne. Schließlich bittet sie ihn, ihr sein Haus zu zeigen. Zögernd nickt der Junge und läuft los.

    Vor einem kleinen, schäbigen Haus bleibt er stehen. Er sagt mit leiser Stimme, “Nur mein Bruder ist da. Der schimpft immer. Vater ist nicht zu Hause und Mama…..ist abgehauen“.

    Marie spürt wie sich Mitleid in ihr ausbreitet und sagt sehr berührt „Wir müssen jetzt gehen und du sollst auch nach Hause gehen und nie wieder andere Menschen mit etwas bewerfen!“. Er nickt scheu und beobachtet neidvoll, wie Marie die Hand ihres Sohnes nimmt. „Ich heiße Momo.“ Seine traurige Augen haften lange an den Beiden. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

    Hajar war eine intelligente junge Frau, die in der Schule stets zu den Besten gehörte, bis sie sie vorzeitig verlassen musste. Den Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, kannte sie nicht. Sie hatte ihn zuvor nie gesehen. Eines Tages kam Hossein mit seinen Eltern zu ihrer Familie. Sie kann sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Nur das Gefühl ist in all den Jahren geblieben. Seit jenem Augenblick fühlte sie sich wie eine Gefangene. Ihr Ehemann war ihr Wärter geworden.

    Auch ihr Elternhaus war kein schöner Ort gewesen. Sie musste ständig ihren Eltern und ihrem älteren Bruder gehorchen. Schon früh hatte sie das Gefühl, dass es ungerecht sei, als Mädchen geboren zu sein. Sie musste im Haushalt helfen, den Eltern dienen, den Brüdern gehorchen.

    Es war der größte Tag ihres Lebens als Hajar endlich in die Schule durfte. Sie hoffte, dass sich nun Türen zu einem besseren Leben öffnen würden.

    Sie besaß ein hohes Auffassungsvermögen. Ihre Lehrerin lobte sie für ihren Eifer und ihre Ausdauer. Die Schule war für sie wie ein kleines Stück Paradies auf Erden. In ihrem dunkeln Alltag waren das Lernen und die Stunden dort lichtdurchflutete Momente. So konnte sie die Ungerechtigkeiten zu Hause, die Schikanen ihrer Brüder, leichter ertragen.

    Sie war ein hübsches Mädchen mit dunklen Augen, die wie zwei Murmeln leuchteten. Ihre Haare band sie meist zu einem Pferdeschwanz zusammen. Für ihr Alter war sie groß gewachsen.

    Mit elf Jahren wurde sie plötzlich „eine Frau“. Eines Tages nahm ihre Mutter sie beiseite und sprach über Dinge, von denen Hajar keine Ahnung hatte. Das Gespräch wirkte auf sie sehr beängstigend. Die Mutter warnte sie, „Männer wollten nur das Eine!“. Von nun an musste sie sich verschleiern. Sie zog sich in eine Ecke des Gartens zurück, wo niemand sie sehen konnte und begann leise zu weinen. Sie füllte sich elend und hilflos. Kurz darauf rief ihre Mutter sie zu sich und verkündete, dass Hajar ab morgen nicht mehr zur Schule gehen dürfe. „Du bist jetzt eine Frau“, sagte sie. „Du musst dich auf deine Hochzeit vorbereiten und lernen, wie man eine gute Ehefrau und Mutter wird.“

    Hajar fühlte sich wie betäubt, von den Ereignisse überrollt. Ihr Verstand setzte aus, ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ihre Mutter redete weiter auf sie ein, doch Hajar verstand kein einziges Wort mehr. Alles um sie herum begann sich zu drehen. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie fiel zu Boden.

    „Bin ich tot? Vielleicht wäre das das beste für mich!“ schoss es ihr durch den Kopf. Sich von allem verabschieden, weggehen, frei sein.

    Ihre Mutter holte eine Schüssel mit kaltem Wasser und schüttete es über Hajars Gesicht. Die schreckte auf, öffnete ihre Augen und war sichtlich enttäuscht als sie merkte, dass sie wieder zu diesem schrecklichen Ort zurückgekehrt war.

    Die nächsten Tage waren unerträglich. Die Schule, ihre Lehrerin und ihre Mitschülerinnen vermisste sie schmerzlich.

    Die Hochzeit war für sie ein einziger Albtraum. Sie ließ alles über sich ergehen, ohne sich zu wehren, als würde sie jemand anderem dabei zusehen. An diese Zeit hat sie kaum Erinnerungen. Zu groß war der Schmerz, zu tief die Wunde. Die Hochzeitsnacht war für sie von Angst erfüllt.

    Sie fragte sich ungläubig, was mit ihr und ihrem Körper geschah. Den Schmerz vergrub sie tief in sich und versuchte nur zu überleben. Ihr Gedanken drehten sich nur noch um den Flucht aus diesem Gefängnis. Bald bemerkte sie Veränderungen in ihrem Körper. Ihre Mutter sagte ihr, dass sie bald Mutter werden würde. „Oh nein, was soll ich tun? Ich sitze für immer hier fest.“

    In den folgenden acht Jahren brachte sie zwei Söhne zur Welt. Vor fünf Jahren zog die Familie nach Deutschland. In Marokko hatte ihr Mann Hossein seine Arbeit verloren und keinen Ausweg mehr gewusst. Hajar schöpfte neue Hoffnung auf ein besseres Leben. Vielleicht könnte sie die Sprache lernen und später sogar arbeiten gehen. Doch Hossein machte ihr klar, dass sie zu Hause bleiben müsse und sich um die Kinder und Haushalt kümmern solle. Ein anderes Leben, ein eigenes Leben, war ihr wieder verwehrt.

    Sie plante ihre Flucht sorgfältig. „Wenn ich erst ein stabiles, sicheres Leben habe, werde ich meine Söhne zu mehr holen“, dachte sie.

    Eines Tages als die Kinder in der Schule und im Kindergarten waren und Hossein auf der Arbeit, nahm sie eine kleine Tasche, stopfte hastig ein paar Kleidungsstücke hinein, einige Euro-Scheine und ihren Pass. Bevor sie die Wohnung verließ nahm sie einen Bilderrahmen mit dem Foto ihrer Kinder vom Regal. Dann ging sie. Kein Blick zurück. Sie wollte nur noch nach vorn schauen.

    Eine Nachbarin hatte ihr die Adresse eines Frauenhauses in der Stadt gegeben. Dorthin musste sie.

    Ihr fiel es sehr schwer. Sie sprach kaum Deutsch, konnte die Straßenschilder nicht lesen. Immer wieder blieb sie stehen, unsicher, ob sie auf dem richtigen Weg war.

    Schließlich zeigte sie einer älteren Frau das kleine, zerknitterte Stück Papier, auf dem die Adresse stand. Die Frau musterte Hajar aufmerksam, sah die Verzweiflung in ihren Augen, das Zittern ihres Körpers. „Ich bringe Sie hin“, sagte sie sanft.

    Hajar war so erleichtert und dankbar, dass sie zu weinen begann, zuerst leise, dann hemmungslos und laut. Die Frau wartete geduldig bis sie sich beruhigt hatte und führte sie schließlich zum Frauenhaus.

    Dort angekommen, fühlte Hajar sich zum ersten Mal seit Jahren erleichtert und sicher, sobald sie die Tür hinter sich schloss.

    Als Hossein nach Hause kam, bemerkte er sofort ihre Abwesenheit. Wut schoss in ihm hoch. Er brüllte, schimpfte, schlug mit der Faust gegen die Wand. „Eure Mutter ist eine Hure. Ich werde sie finden und töten! Sie hat die Ehre der Familie beschmutzt!“

    Wie ein Tiger im Käfig lief er hin und her. Die Kinder saßen still in einer Ecke, traurig und verängstigt. Momo weinte leise, sein Bruder schrie ihn an, „ein Junge weint nicht. Hör auf damit!“

    Hosseins Gedanken kreisten nur noch um Rache. Er unternahm alles, um sie zu finden. Auf der Arbeit hatte er einige Landsleute kennengelernt. Männer, die ihm versprachen, etwas herauszufinden. Er selbst wollte nicht ins Gefängnis, sagte er. Aber es gebe Leute, die alles für ein paar Euro erledigen. Schließlich gehe es doch um die Ehre. Keine Frau dürfe unbestraft davonkommen.

    Die Kinder warteten tagelang, wochenlang vergeblich auf ihre Rückkehr. Monate vergingen. Eines Tages sagte Hossein mit kalter Stimme: Eure Mutter wird nie wieder zurückkommen. Ich werde wieder heiraten. Ihr bekommt eine neue Mutter!“.

    Momo weinte geräuschlos, rief leise ihre Mutter. „Mama, wo bist du, bitte komm zurück, ich will keine neue Mutter!“.

    Wo ist Hajar geblieben?

    © Foto Olfat@t-online.de

    Fourough Olfat-Bahar

    Fourough Olfat-Bahar stammt aus dem Iran und lebt seit 1984 in Deutschland. Sie hat Medizin studiert und arbeitet seit 2003 in eigener Praxis in Wiesbaden. Neben dem Beruf liest und schreibt sie leidenschaftlich. Sie nimmt seit 4 Jahren in einer Schreibwerkstatt teil.

  • 16

    Unter einem Himmel

    Olena Babenko

    Unsere Stimmen klingen verschieden...

    Unsere Stimmen klingen verschieden:

    sanft... laut...

    melodisch... schnell.

    Unsere Gesichter sind unterschiedlich.

    Unsere Haut hat verschiedene Farben.

    Unsere Bräuche, Lieder und Träume sind verschieden.

    Wir kommen aus vielen Kulturen,

    und alle fließen wie kleine Bäche in einen großen Fluss der Welt.

    Wir sind aus verschiedenen Teilen der Erde hierhergekommen.

    Von heißen Ebenen,

    aus großen Städten oder kleinen Dörfern,

    von wilden Meeren oder stillen Flüssen.

    Manche kamen, weil sie Abenteuer suchten.

    Andere suchten Sicherheit.

    Wieder andere folgten einem Traum von einem besseren Leben.

    Und jetzt — sind wir hier.

    Zusammen.

    In diesem Moment.

    An diesem kleinen Punkt

    auf der großen Weltkarte

    Wir sind verschieden.

    Aber es gibt etwas, das uns verbindet,

    etwas, das größer ist als all unsere Unterschiede.

    Etwas, das stärker ist als alle Grenzen.

    Wir sind Kinder der einzigen Erde.

    Unserer Erde.

    Wir leben unter einem Himmel.

    Atmen dieselbe Luft.

    Schauen auf dieselbe Sonne.

    Sehen dieselben Sterne.

    Weinen, wenn wir traurig sind,

    und lachen, wenn wir uns freuen.

    Unsere Herzen — so verschieden sie sind —

    schlagen zusammen,

    wenn wir Schmerz fühlen,

    Hoffnung erleben,

    oder Liebe spüren.

    Wir sind verschieden.

    Aber wenn wir unser Herz öffnen,

    sehen wir keinen Fremden mehr.

    Wir sehen einen Menschen.

    Vielleicht sieht er anders aus,

    aber innen ist er wie wir.

    Er hat eigene Träume.

    Einen eigenen Weg.

    Ein eigenes Licht in sich.

    Wir erkennen:

    Er schreibt seine eigene Geschichte —

    und wird Teil unserer gemeinsamen Geschichte.

    Wir sind verschieden,

    doch das soll uns nicht trennen.

    Denn die wahre Schönheit des Lebens

    liegt in seiner Vielfalt.

    Und die wahre Stärke der Menschheit

    liegt in unserer Einheit —

    im großen Herz, das fühlen kann.

    © Foto privat

    Olena Babenko

  • 17

    Das ist so menschlich

    Larysa Chernova

    Im Gegensatz zu Tieren haben Menschen ein Privileg: Ideen zu entwickeln. Die gesamte....

    Im Gegensatz zu Tieren haben Menschen ein Privileg: Ideen zu entwickeln. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist ein stetiger Prozess der Ideenfindung und der Umsetzung dieser Erfindungen in die Praxis.

    Heute wie damals generieren unsere Gehirne neue Ideen. Manchmal funktioniert das Gehirn einwandfrei wie ein Schweizer Uhrwerk.

    Von Zeit zu Zeit unterlaufen ihm jedoch bedauerliche Fehler.

    Paul und Jonas waren in ihrer Jugend Freunde und trafen sich eines Tages, viele Jahre später, wieder. Sie erkannten einander nicht sofort, denn das Leben hatte leider unwiderrufliche Spuren an ihrem Aussehen hinterlassen.

    Paul war groß und hatte ein fröhliches Wesen. Jonas eher melancholisch, ging aber immer bereitwillig auf alle Vorschläge von Paul ein.

    „Mensch, wie lange haben wir uns nicht gesehen!“, rief Paul und umarmte seinen Freund fest.

    „Hör zu, mir gefällt dein Aussehen überhaupt nicht. Das Leben hat dich wohl in eine Sackgasse getrieben? Es gibt nur ein Heilmittel für dieses Leiden: ein Gespräch bei einem Glas Bier.“ Und Paul brach in lautes Gelächter aus. Jonas hatte sich noch nicht erholt, als er auch schon in einen Vergnügungspark eingeladen wurde, in dem sein Freund gerade als Wachmann arbeitete.

    So trafen sich die Freunde am Abend wieder. Der Vergnügungspark leerte sich allmählich, die letzten Besucher verließen ihn.

    Schließlich waren Paul und Jonas allein, zusammen mit ihren Bierflaschen.

    Nachdem sie sich über ihre Erlebnisse ausgetauscht hatten, schwelgten sie in Erinnerungen an die unbeschwerten Jahre.

    Nach dem Bier schenkten sie sich Whiskey ein. Das Leben schien ihnen nicht mehr so eintönig und trist.

    Plötzlich kam ein streunender Hund angerannt und bellte sie an. Paul, wieder ganz wie mit fünfzehn, ging auf allen Vieren und rannte dem Hund bellend hinterher.

    Und auf einmal hatte Paul eine „geniale“ Idee.

    „Wir können zusammen Karussell fahren!“ Er packte Jonas an der Hand und zog ihn zum Karussell. Sie ließen sich nieder.

    „Und jetzt? Wie machst du das Karussell an?“, fragte Jonas.

    „Na ja, du musst eben noch lernen und lernen!“ antwortete Paul gönnerhaft, nahm einen langen Stock und drückte damit den Startknopf.

    Das Karussell setzte sich in Bewegung, und bald kreisten sie über der nächtlichen Stadt und genossen ihre unbeschwerte Stimmung.

    Es ist unwahrscheinlich, dass sie in diesem schönen Moment darüber nachdachten, wie sie das Karussell anhalten könnten.

    So eine Kleinigkeit hatte sie nicht interessiert.

    In den frühen Morgenstunden, entdecken überraschte Passanten die abgemagerten und verdrehten Körper zweier älterer Menschen auf dem rotierenden Karussell. Sie rufen Polizei und Krankenwagen.

    Die beiden fast leblosen Körper werden auf die Intensivstation gebracht…

    Und vielleicht gelingt es den Ärzten, sie zu retten.

    Aber das ist Zukunftsmusik.

    Warum sollte man in einer so schönen, unbeschwerten und rosigen Gegenwart in die Zukunft blicken?

    So dreht sich das Karussell immer und immer und immer weiter...

    © Foto privat

    Larysa Chernova

    Larysa Chernova ist Kunsthistorikerin und Museologin. In der Ukraine hat sie viele Jahre im Museumsbereich gearbeitet und an zahlreichen Kultur- und Kunstprojekten mitgewirkt. Jetzt leitet sie Führungen in der Kunsthalle Mainz und im Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden. Sie liebt die Literatur.

  • 18

    Das ist sehr unfreundlich

    Anwar Daneshwar

    Das ist sehr unfreundlich...

    Das ist sehr unfreundlich.

    Man wird gezwungen zu verreisen.

    Man kann nie zurückkehren.

    Das Ungeheuer wird schnell sterben.

    Nehmt Wasser und Essen mit.

    Vielleicht kommt es bald.

    Anwar Daneshwar

  • 19

    Roter Planet

    Anwar Daneshwar

    Lieber roter Planet...

    Lieber roter Planet

    ich hoffe, es geht dir gut. Eigentlich wollte ich dir ein Email schreiben. Naja, du weißt, dass wir hier seit langem keine Internetverbindung mehr haben, sie wurde abgeschaltet. Aber egal, jetzt können wir schriftlich miteinander kommunizieren.

    Vor 50 Millionen Jahren, als ich zum letzten mal von dir gehört habe, war es ruhig und schön auf mir. Es gab hier nur wenige Menschen aber viele Tiere, von denen heute einige gar nicht mehr existieren. Damals war ich froh und glücklich, alles war wie es sein sollte.

    Vor kurzem, ich meine, vor ungefähr einer Million Jahren, hat sich die Sache geändert. Manche Tierarten sind ausgestorben, andere Tierarten und die Anzahl der Menschen ist dagegen stark gestiegen.

    Als wir uns zum letzten mal gesprochen haben, sagtest du, dass es keinen einzigen Menschen mehr bei dir gibt, und du wolltest, dass sie wieder zu dir zurückkommen.

    Ich habe gute und schlechte Nachrichten für dich.

    Die Menschen auf mir sind sehr undankbar geworden, trotzdem schätzen manche die schönen Möglichkeiten und Ressourcen, die ich ihnen anbiete. Ich habe ihnen ja auch alles, was sie zum Leben brauchen, zur Verfügung gestellt, aber einige wollen nur ein gutes Leben für sich, nicht für alle, keinen Frieden, keine Ruhe und keine Menschlichkeit.

    Diese Menschen sollen zu dir kommen, damit sie auf dir lernen können, wie man mit anderen zusammenlebt. Du kannst mit solchen Lebewesen sehr gut umgehen und es ihnen beibringen. Auch haben einige von ihnen kein Mitleid mit mir als Planet, sie zerstören die Natur, und schämen sich nicht für das, was sie auf mir anstellen.

    Ich habe die Nase voll von diesen Menschen.

    Auf mir gibt es aber auch Menschen, die Respekt haben, anderen helfen und Sicherheit und Unterstützung anbieten. Sie schützen die Umwelt wie ihr zuhause und wollen meinen Planeten als Gemeinschaftswohnort aller Menschen, Tiere und Pflanzen zu einem schöneren Ort machen, auf dem alle zufrieden und glücklich sind. Und das gibt mir Hoffnung.

    Sei bitte bereit für die schwierigen Menschen, die ich dir bald schicke und mach bitte das Beste aus ihnen.

    Liebe Grüße, dein Kumpel, Planet Erde.

    Anwar Daneshwar

  • 20

    10 Zeilen

    Xenia Zharko

    Ich steige in den Zug, lasse mich auf einen freien Platz im fast...

    Ich steige in den Zug, lasse mich auf einen freien Platz im fast leeren Waggon fallen und verliere mich in meinen Gedanken und dem vorbeiziehenden Anblick draußen.

    An der nächsten Station höre ich plötzlich, wie zwei Leute laut und ungestüm einsteigen und sich direkt hinter mich setzen.

    Ich drehe mich nicht um - das ist einfach nicht meine Art, fremde Menschen anzustarren.

    Einer von ihnen fängt sofort an, laut, wütend, fast verzweifelt ins Telefon zu schreien, er klagt über sein Leben in einer Sprache oder einem Dialekt, den ich kaum verstehe, vielleicht aus Österreich oder der Schweiz, aber allein die Tonlage lässt mich innerlich zusammenzucken.

    Der andere beginnt, mit eisernen Deckeln unter den Tischen zwischen den Sitzen zu klappern, offenbar auf der Suche nach Pfandflaschen oder vielleicht etwas Essbarem.

    Er lässt aber meinen Tisch aus, setzt sich hinter mich und öffnet laut knisternd eine Tüte, ich spüre den Geruch von Snacks.

    Während er isst, spuckt und röchelt er, würgt und hustet, so heftig, dass es mir durch Mark und Bein geht — der Ekel und das Mitleid vermischen sich in meinem Bauch.

    Plötzlich habe ich überhaupt keine Lust mehr, mein Brötchen zu essen oder meine Mutter wegen der Zugverspätung anzurufen.

    Ich bin fast erleichtert, dass ich gleich aussteigen muss, und werfe beim Aufstehen doch noch einen Blick zurück auf meine Mitreisenden.

    Da sehe ich einen Mann mit einem tief traurigen, angespannten Gesicht, und neben ihm seinen erwachsenen Sohn mit Chips in der Hand, der offenbar an Zerebralparese und einer für mich unbekannten, aber offensichtlich schweren psychischen Störung leidet.

    Xenia Zharko

  • 21

    Der Heiße Abend

    Rafael Rodriguez

    Es geschah nach einem kurzen Spiel. Die Gefahr war in dieser flüchtigen Sekunde nicht...

    Es geschah nach einem kurzen Spiel. Die Gefahr war in dieser flüchtigen Sekunde nicht bedacht, es war einfach passiert.

    Als ob die Sonne wusste, was geschehen sollte, strahlte sie an diesem Samstagnachmittag ihr Licht im Überfluss, so dass die Figur die ein verliebtes paar Schwäne mit ihren langen Hälsen machten, auf Liebe deuten ließen. Das Gras am Rande des Weges entlang des unruhigen Ufers bewegte sich sehr freudig mit dem Wind, den die Füße der beiden glücklichen Spaziergänger erzeugten.

    Viele Nacktschnecken krochen mitten über den feuchten Bodens, um eine gewisse Eile des Paares zu verhindern. Diese Absichten spürten alle Schmetterlinge die von Blüte zu Blüte flatterten, während der Wind mit den Ärmeln seines weißen Hemdes, mit dem Rocksaum ihres gelben Kleides und ihren offenen Haaren spielte.

    Ein kräftiger Arm umrundete ihren Körper. Seine dunkle Hand ruhte auf ihrer rechten Hüfte. Die Adern ihrer zarten linken Hand spürten den Druck zwischen den zwei Stoffschichten in seiner hinteren Jeanstasche während sie unaufmerksam sich in belanglosen Gesprächen vertieften.

    Die Schnecken und Schmetterlinge hatten Recht. Die Absichten waren bei beiden so übereinstimmend, dass sie in wenigen Minuten auf dem Bett landeten. Aber, was diese Insekten und die Sonne nicht ahnten, war die Gefahr kurz vor dem Vorspiel.

    Plötzlich hörte es sich nicht wie Liebe an, sondern wie eine Art Kampf, aus Leidenschaft und Gewalt. Man hörte Befehle, Geschrei von Schmerz und Leid, Worte gefüllt mit Trost und Mitleid. Es war ein Gemisch aus Liebe, Mitgefühl und starken physischen Schmerzen.

    Man konnte anhand des angestrengten Dialogs die Szene sehen, auch ohne dabei zu sein.

    Mach die Beine auf, schrie sie ihn an, und näherte sich mit ihrem Gesicht seiner intimsten Zone.

    + Bitte pass auf! Ya! Ya!! So!! So..So ist es gut!

    + Soll ich dir die Haare halten?

    - Nein! sagte sie

    + Damit du besser sehen kannst, sagte er.

    - Halt still!

    + Oooooch ooooooh aaaaach

    + Neeeeinnn!!

    - Drück meinen Kopf nicht so fest, sagte sie.

    + Aaaaachch!!!

    + Aaaauaaaaaaa!!

    + Ja ja ja ja!

    Na, gefällt es dir?

    + Ooooch

    + Ohhh Gott, my Gott, neeein!!

    + Ooooohhhh es ist genug!

    + Ja, ja, ja jaaaaaa!

    - OK fertig, das Pflaster ist drauf! - Das passiert, wenn man die heiße Tasse Tee im Bett auf dem Schoß hält, sagte sie.

    + Ja genau, es passiert immer dann, wenn ich einen schönen Abend mit dieser wunderschönen Frau haben möchte! + Du hattest die Decke bewegt...

    - Ich hatte nicht gewusst, wo du deine heiße Tasse hattest!

    + Ja, du warst in Eile!

    - Stimmt! Aber sorry, ich war auch bereits auf meiner Entdeckungsreise!!

    Rafael Rodriguez

  • 22

    Lustig

    Elham Pourmohammad

    Mein Therapeut meinte am Ende der Sitzung, ich müsse mehr Kontakt zu Menschen haben. Er gab mir die Aufgabe...

    Mein Therapeut meinte am Ende der Sitzung, ich müsse mehr Kontakt zu Menschen haben. Er gab mir die Aufgabe, mich augenblicklich auf eine Bank am Spielplatz neben der Praxis zu setzen und mit der ersten Person, die sich neben mich setzt, ein Gespräch anzufangen. Klingt machbar, dachte ich.

    Spoiler: Ich lag falsch.

    Als ich mich auf eine Parkbank setzte brauchte ich mich nicht besonders zu bemühen, denn der etwa sechzigjährige Mann, der neben mir saß, starrte mich erst an und grunzte: „Ich habe Sie noch nie in diesem Park gesehen“. Ich lächelte und nickte. „Ich meine, was tun Sie hier? Sind Sie so eine Art Kinderdieb? Oder einer von diesen Typen, die Fotos von denen machen und sie ins Internet stellen...“.

    Ich unterbrach ihn abrupt: „Nein! Ich habe ein ganz anderes Problem. Mein Therapeut hat mir empfohlen, dass ich häufiger mit Menschen reden solle.“

    „Ach so!“ Er nickte verständnisvoll und sagte: „Wollen Sie meine Meinung dazu hören? Blödsinn! Wahrscheinlich haben Sie ihm auch viel Geld bezahlt! Für einen arbeitslosen, kranken Menschen wie Sie war das doch sicherlich schweineteuer, oder?

    „Ich bin weder arbeitslos noch krank!“ entgegnete ich brüsk.

    Er antwortete: „Sie brauchen nicht zu lügen, man sieht es Ihnen ja förmlich an.

    Ich wollte protestieren, aber er legte sofort nach: „Also, hören Sie, ich kann das besser als jeder Therapeut. Sagen Sie mir einfach Ihr Problem. Ich berechne nichts. Meine Mutter sagt, ich sei ein Naturtalent!“

    „Nein, danke“, sagte ich schnell, aber er ließ nicht locker.

    Er drehte sich zu mir um und fuhr fort:

    „Als mein Sohn klein war, konnte er nachts nicht schlafen. Er fürchtete sich davor, dass sich unter seinem Bett ein unheimliches Gespenst verstecken würde. Sein verrückter Therapeut meinte, das läge an seinen Ängsten und er solle ihn wieder besuchen. Aber ich löste das Problem auf meine Weise. Ich verkaufte sein Bett und riet ihm: Schlaf einfach auf dem Boden. Verstehen Sie? Der arme Geist hatte kein Versteck mehr...!“

    Der Mann lachte laut.

    „Hat es das Problem gelöst?“ fragte ich zögerlich.

    „Ich weiß es nicht. Am nächsten Morgen nahm meine Frau meinen Sohn und verließ mich. Sie hat meinen Methoden nie vertraut. Und ich war der Paranoide! Nur weil ich ihr gesagt hatte, sie solle nicht rausgehen und arbeiten. Man weiß ja nie, was einem auf der Straße passieren kann. Sie hat sich sogar geweigert, meine Waffe zu nehmen. Die sollte man doch immer bei sich tragen. Wollen Sie sie sehen?“

    Ich stand auf und sagte rasch: „Tut mir leid, ich muss gehen.“

    Doch bevor ich flüchten konnte, drückte er mir eine Karte in die Hand. „Falls Sie doch mal kluge Ratschläge und meine Vorhersagen brauchen, hier ist meine Website.“

    Auf der Karte stand: www.ichzeigedirdenweg.com

    Ich rannte. Ob ich jemals wieder auf einer Parkbank sitzen werde, weiß ich nicht. Aber seit dieser Erfahrung komme ich viel besser mit meiner Einsamkeit und meiner Depression klar.

    © Foto Khodayar Pourmohammad

    Elham Pourmohammad

    Elham Pourmohammad stammt aus dem Iran, wo sie Psychologie studierte und arbeitete. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zur Literatur und zum Schreiben. In ihren kurzen persischen Geschichten verbindet sie Alltägliches mit feinen, nachdenklichen Beobachtungen. Seit zwei Jahren ist sie Mitglied der Schreibwerkstatt Wiesbaden und wagt dort den Schritt, ihre Gedanken und Erzählungen auch in deutscher Sprache auszudrücken.

  • 23

    Ich bin tot

    Elham Pourmohammad

    Ich bin seit zwanzig Jahren tot – seit dem Tag, an dem ich vom höchsten Gebäude der Stadt

    Ich bin seit zwanzig Jahren tot – seit dem Tag, an dem ich vom höchsten Gebäude der Stadt gesprungen bin. Wie ein Vogel. Du lebst, und jeden Tag, in der kurzen Zeit, in der ich zurückkehren darf, beobachte ich dich.

    Ich bin da, wenn du nach dem Aufwachen mit offenen Augen im Bett liegst. Oder abends, wenn du dich mit deinem Tee ans Fenster setzt.

    Meine ganze Zeit verbringe ich damit, dich anzusehen – dich, die für mich immer noch dasselbe siebzehnjährige Mädchen bist, das eines Tages auf dem Schulhof meine Hand nahm und sagte:

    „Es ist nichts. Sieh mich an. Das nennt man Panik. Mir ist das auch einmal passiert. Es geht gleich vorbei. Schau mich an. Sieh mir in die Augen. Versuch jetzt, auf die Geräusche zu hören.

    Hörst du diesen Vogel?

    Was für ein Vogel ist das?

    Hast du jemals einen Vogel berührt?

    Komm, lass uns sehen, auf welchem Baum er sitzt.“

    An jenem Tag hast du mich gesehen –wie ich in einer Ecke des Schulhofs an die Wand zitterte. Du bist bei mir geblieben, und wir beide haben den Unterricht verpasst.

    Ich habe kein Wort gesagt – weder an diesem Tag noch in den Tagen danach.

    Aber jeden Tag danach habe ich dich auf dem Schulhof beobachtet. Du warst das Licht, das durch die schwarzen Wolken in meinem Kopf brach und auf mich fiel. Und eines Tages warst du weg. Ihr habt die Stadt verlassen. Und die Tage wurden wieder schwarz.

    Du bist der kleine Vogel, und ich weiß genau, auf welchem Baum du sitzt – ohne zu singen. Ich kann dich nicht berühren, aber ich weiß, dein Herz schlägt. Dein Herz ist warm.

    Du lebst und ich bin tot.

    Jetzt sitzen wir uns im Zimmer gegenüber.

    Du denkst, du wünschtest, jemand wäre neben dir, und ich denke, ich wünschte, ich könnte dieser Jemand sein.

    © Foto Khodayar Pourmohammad

    Elham Pourmohammad

    Elham Pourmohammad stammt aus dem Iran, wo sie Psychologie studierte und arbeitete. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zur Literatur und zum Schreiben. In ihren kurzen persischen Geschichten verbindet sie Alltägliches mit feinen, nachdenklichen Beobachtungen. Seit zwei Jahren ist sie Mitglied der Schreibwerkstatt Wiesbaden und wagt dort den Schritt, ihre Gedanken und Erzählungen auch in deutscher Sprache auszudrücken.

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Armin Nufer

Sprecher, Schauspieler & Regisseur